Warum ein Nacktfestival?

(english version see below)

Kunst und Performances im öffentlichen Raum sind heute als irritierende Anreger willkommen und gern gesehen. Es darf mittlerweile im Stadtraum alles gezeigt und performt werden, was auch im Kunstraum und im Theater stattfindet, mit Ausnahme des nackten Körpers. Das Body and Freedom Festival will das ändern und dazu beitragen, den nackten Körper im öffentlichen Raum als Mittel künstlerischer Gestaltung zu etablieren.

Das Body and Freedom Festival bietet als behördlich bewilligter Anlass eine weltweit einzigartige experimentelle Plattform zur künstlerisch-praktischen Erkundung des Umgangs mit dem nackten Körper im Stadtraum und zur Auslotung des gesellschaftlichen Reibungspotenzials. Es schafft sowohl für Performende wie zufällig Vorübergehende und eigens angereiste Zuschauende ungewohnte Situationen, die das Repertoire eingeübten Verhaltens unterlaufen.

Mit der realen Nacktheit von Körpern im öffentlichen Raum wird der Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten: wie steht ist mit dem Verhältnis zum eigenen nackten Körper und zu abgebildeter Nacktheit? Wieso ist veröffentlichte private Nacktheit und Intimität für breite gesellschaftliche Schichten kein Problem ist, die Exposition des realen nackten Körper in der Öffentlichkeit aber schon. Je mehr virtuelle Nacktheit desto mehr konservativer Geist im Umgang mit realer Nacktheit? Die internationale online-Medienresonanz, die das erste Body and Freedom Festival in Biel/Bienne 2015 auslöste, spiegelt die gesellschaftliche Brisanz der Thematik.

Das Body and Freedom Festival fordert mit der temporären Besiedlung von öffentlichem Raum durch eine ausserhalb der Norm liegende radikale Daseinsform allgemein gültige Verhaltensnormen heraus. Insofern versteht es Manifestationen des nackten Körpers im öffentlichen Raum gleichberechtigt mit Wortmanifestationen als Ausdruck der Meinungs- beziehungsweise Kunstfreiheit, und es dient als Vehikel für ein vertieftes Reflektieren des Freiheitsbegriffs.

18 Projekte von Künstler/innen aus ganz Europa werden 2018 in Zürich Gesamtbilder mit nackten Körpern, der Passantenzirkulation und der Umgebungsarchitektur schaffen. Sie werden die Ausgesetztheit und Verletzlichkeit des nackten Körpers in vielen seiner Erscheinungsformen sichtbar machen, aber auch seine Kraft und Ausstrahlung im Spannungsfeld von „zivilisierter“ Urbanität und „roher“ Natur zeigen und den öffentlichen Raum in aneignender Weise als Plattform für Statement und Interaktion interpretieren.

Warum Nacktgespräche?

Performancekunst stellt etablierte Ordnungen potenziell in Frage. Der nackte Körper im Stadtraum spitzt das maximal zu. Er steht für Intimität und hebt die Trennung zwischen privat und öffentlich auf. Das verunsichert und das regt zu Utopien an, stellt Grenzziehungen und Werthaltungen zur Diskussion, wirft Fragen auf.

Wodurch irritiert ein nackter Körper in der Öffentlichkeit? Unterläuft er die komfortable Distanz eines analysierenden Blicks? Provoziert oder denunziert er den voyeuristischen Blick? Weckt er Berührungswünsche? Zeigt er seine Verletzlichkeit? Verändert er die Wahrnehmung eines öffentlichen Platzes? Vermittelt er eine Vision? Was steckt hinter dem Bedürfnis nach Grenzziehungen? Wie liberal funktioniert unsere Gesellschaft? Was ist verhandel- und diskutierbar? Was wird ausgeblendet? Die Fragen führen mitten in aktuelle politische und ethisch-moralische Debatten um gegenläufige Trends im Umgang mit Körper, Intimität, Erotik und Sexualität.

Mit den Nacktgesprächen schafft das Body and Freedom Festival einen Ort für Reflexion und den Dialog zwischen Künstler/innen, eingeladenen Wissenschaftler/innen, externen Beobachtenden und dem Publikum. Sie bieten den Rahmen, um über Normsetzungen, Grenzziehungen, Kontrollbedürfnisse, Macht, über das Aufbrechen aus gewohnten Ordnungen und über die konkreten Strategien und Erfahrungen der künstlerisch-performativen Arbeit mit dem nackten Körper nachzudenken.

Für die Reise in dieses ebenso komplexe wie ausufernde Feld docken die Nacktgespräche an zwei Sinnen an: dem Sehen und dem Tasten. Beide werden durch die Präsenz nackter Körper in besonderer Weise angesprochen, beide erschliessen uns die Welt, sind gesellschaftlich aber unterschiedlich bewertet.

Die Nacktgespräche widmen dem Sehen und Tasten den Donnerstag- und den Samstagabend. Am Freitagabend fragen sich nach den Motivationen der Künstlerinnen und Künstler und diskutieren das Potenzial von Nacktperformances im öffentlichen Raum zwischen Freiheit, Vision und künstlerischer Forschung.

Die Nacktgespräche bieten während je 90 Minuten thematisch fokussierte Gesprächsrunden mit Kurzreferate aus sozial- und kulturwissenschaftlicher sowie historischer Sicht, kunstkritische Feedbacks, Statements von Künstlerinnen und Künstlern – und viel Raum für Diskussion. > Programm

 

Why a Naked Festival?

Art and performances in public space are generally welcome and a well liked source of provocation and stimulus. Up to date, almost anything that is able to be shown or performed in theatres or artspaces is likewise able to be shown in public city space, with the exception of the naked body. The Body and Freedom Festival intends to initiate a change. It aims to explore the possibilities of the naked body in urban space and everyday situational life, thereby contributing to its establishment in this context as an instrument of art expression.

Officially authorized the Body and Freedom Festival offers a worldwide unique platform for experimental art work with the naked body in urban space exploring social friction. For performers as well as for passers-by and visitors it creates unfamiliar situations undermining common behaviour patterns and public policy.

The presence of concrete naked bodies in public can be conceived as a mirror. How do I deal with my own naked body and how is this related to cultural imagery of nakedness? Why for most people promulgating private nakedness and intimacy in the media is accepted, while exposing it in the public is not? The more virtual nakedness the more conservative attitudes in dealing with the real naked body?

The temporary appropriation of a public square by a radical way of being outside norms challenges generally accepted social behaviour. Thus the festival claims manifestations of the pure naked body equal to verbal manifestations and therefore as expressing freedom of opinion and of art. That makes Body and Freedom Festival also a vehicle to reflect on ideas of freedom.

18 projects from Switzerland and from other European countries, will come together to create comprehensive art interactions with the naked body, pedestrian circulation and the city environment. The exposure and the vulnerability of the naked body, its strength and charisma, is brought into focus through the interplay between civilized urbanity and raw nature. Through its immediate presence in urban space the artists utilizes and interprets public space as a platform for interaction and statement.

Why naked talks?

Performance art provides a potential challenge to established rules and order. This is sharpened at most by the naked body in public. Connotating intimacy it suspends the division of private and public spheres – therefore alienating as much as inviting to utopian visions. In any case, the naked body in public rises questions and generally puts to discussion demarcations and values.

In what respect a naked body in public irritates? Is he undermining the comfortable distanced, analytical gaze? Provoking or denunciating voyeurism? Awakening the wish to touch or beeing touched? Exhibiting its vulnerability? Does a naked body alter the perception of a public square? Does it convey a vision? What is at the bottom of the need to divide? How liberal function our societies? What is negotiable, and what is not? Those questions are leading directly at the heart of current debates on body politics, intimacy, eroticism and sexuality.

With the Naked Talks the festival creates a space for reflections and dialogue between artists, invited scientists, external observers and the public. They offer a framework to re-think on rules, divisions, control, power as well as the eventual opening out orders and the practical strategies and experiences in performing with the naked body.

For the journey in this extensive and overflowing field the Naked Talks propose to let us guided by two senses: Looking and touching. Both are addressed particularly by the naked body, both open us the world, though socially estimated differently.

The Naked Talks dedicated to thursday and saturday evenings to the look and the touch. In between, on friday, they focus on the motivations of the artists and the potentiality of naked performance in public as a means of freedom, vision and artistic research.

The Naked Talks offer each 90 minutes topically focused discussion with keynotes on social, cultural and historical perspectives, art critic feedbacks, replies and statements of the artists.

 

 

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